Abenteuer Paragleiten – Teil 2

Dieser Sommer lief für jeden von uns mit Sicherheit gänzlich anders als zu Beginn des Jahres geplant und so musste ich meinen ursprünglich geplanten Roadtrip durch Skandinavien leider absagen. Aber jeder negativen Entwicklung kann man auch etwas positives abgewinnen! So habe ich mir heuer stattdessen einen Traum aus Kindheitstagen erfüllt und das Paragleiten erlernt.

Dies ist der zweite Blogpost indem ich über meine Ausbildung berichte. Wenn du Teil 1 noch nicht gelesen hast, solltest du das unbedingt jetzt nachholen: Abenteuer Paragleiten – Teil 1.

Über den Beginn der Ausbildung und meine ersten Flugerfahrungen weißt du nun ja bereits bestens Bescheid. Mindestens genauso wichtig wie Flugpraxis ist jedoch ein umfangreiches Basiswissen zum Gleitschirmfliegen, der Meteorologie und Thermik – und genau damit geht es heute los!

Theoretische Ausbildung

Die theoretische Ausbildung begann bereits abends nach den Flugeinheiten im Grundkurs. Hier erlernte ich die Grundbegriffe und -konzepte der Thermik und Meteorologie sowie die Verhaltensregeln in der Luft. Darüber hinaus tauchten wir in die Materialkunde ein und wurden mit der Verhaltensweise in einigen extremen Flugsituationen vertraut gemacht. Kurz gesagt: Die Basis um sicher fliegen zu können wurde geschaffen.

Die theoretische Ausbildung im Höhenflugkurs umfasste im Wesentlichen dieselben Inhalten, jedoch um einiges detaillierter. Hier ging es wirklich in die Tiefe was Meteorologie und Thermik betrifft, damit wir später in der Lage sind selbst die notwendigen Entscheidungen treffen zu können. Aufgrund der mittlerweile vorhandenen Erfahrung bei den Höhenflügen waren viele Inhalte mittlerweile auch leichter verständlich.

Aufgrund der COVID19-Situation wurden diese Theorieblöcke, anders als üblich, im Webinar-Format abgehalten. Da ich es im Zuge meines Studiums ohnehin gewohnt war zuhause zu lernen, war mir das sogar lieber als Theorieeinheiten in der Flugschule. Am Ende der Theorieblöcke steht die SoPi-Prüfung, welche vom Aufbau her stark an die Führerscheinprüfung erinnert. Allgemein hat mich das gesamte Lehrformat stark an den Führerschein erinnert. Wenn man bedenkt das der SoPi aber praktisch ein Führerschein für die Luft ist, ist das in meinen Augen auch nicht weiter verwunderlich.

Das eigene Material

Im Grundkurs wird selbstverständlich Leihmaterial zur Verfügung gestellt. Wenn du jedoch planst regelmäßig Fliegen zu gehen, ist der Kauf einer eigenen Ausrüstung sehr empfehlenswert (manche würden sogar meinen unabdingbar). Umso vernünftiger ist es natürlich die Zeit während der betreuten Höhenflüge zu nutzen um verschiedene Gurtzeuge und Gleitschirme durchzuprobieren. So kannst du dich in weiterer Folge an dein Material gewöhnen während du nach wie vor im Zuge deiner Ausbildung betreut wirst.

Aufgrund der hohen Anschaffungskosten kann es natürlich auch sinnvoll sein, sich für Leihmaterial zu entscheiden – vor allem wenn du planst nur selten zu fliegen. Jedoch ist anzumerken, das es beispielsweise in meiner näheren Umgebung nur eine sehr begrenzte Auswahl an Leihmöglichkeiten für eine Gleitschirmausrüstung gibt. Abgesehen davon würde ich mir damit bereits im Vorfeld eingestehen, dass ich plane selten zu fliegen (auch wenn es natürlich von Wien aus nicht leicht ist, regelmäßig zu fliegen). Darüber hinaus ist die Hemmschwelle abzuheben wesentlich größer, wenn zusätzlich zur Flugplanung und Anreisezeit noch die Zeit zum Ausleihen und Anpassen der Ausrüstung eingerechnet werden muss.

Zuletzt verhalten sich verschiedene Schirme/Gurtzeuge/Kombinationen dieser beim Start/bei der Landung sowie in der Luft teilweise komplett unterschiedlich. Ich habe sehr sehr viele Kombinationen getestet und konnte dies daher aus erster Hand feststellen. So ist es natürlich sehr schwer dich an dein Material zu gewöhnen und ein besserer Pilot zu werden. Nach langer Überlegung habe ich daher beschlossen in eine eigene Ausrüstung zu investieren.

Hike&Fly oder viel komfort?

Der Entschluss eine eigene Ausrüstung zu erwerben ist aber nur der erste Schritt. Zahlreiche nahmhafte Hersteller bieten verschiedenste Gurtzeuge und Gleitschirme mit unterschiedlichen Eigenschaften für verschiedene Anwendungsgebiete an. Die erste Entscheidung mit der du vermutlich konfrontiert wirst: Hike&Fly oder doch lieber mehr Komfort (das Eine schließt das Andere nicht notwendigerweise aus)?

Der Unterschied? Wie der Name bereits sagt geht es beim Hike&Fly darum den Berg aus eigener Kraft zu erklimmen und den Abstieg gelenksschonend mit dem Gleitschirm zu absolvieren. So kannst du theoretisch jeden noch so entlegenen Berg erklimmen und von überall aus starten. Die Ausrüstung hierbei ist sehr leicht. Die Gurtzeuge sind leichter gebaut und haben oftmals Luftprotektoren. Diese sind zwar ebenso geprüft und zugelassen, bieten jedoch etwas weniger Sicherheit als Schaumstoffprotektoren komfortablerer, aber auch schwererer Gurtzeuge. Die Gleitschirme sind ebenso etwas leichter und aus einem dünneren Material gefertigt. Auf einige komfortable Kniffe wird oftmals verzichtet um Gewicht zu sparen. Das Ziel ist es ein möglichst leichtes Paket von etwa 6-8 kg zu schaffen (es kann natürlich noch leichter werden), das du leicht auf einer Wanderung mitnehmen kannst.

Schwerere Gurtzeuge bieten hingegen etwas mehr Komfort und aufgrund von Schaumstoffprotektoren auch etwas mehr Sicherheit im Falle eines Sturzes. Entsprechende Gleitschirme sind meist etwas schwerer, haben aufgrund des dickeren Materials aber auch eine längere Lebensdauer. Aufgrund des höheren Gewichtes von gut 10kg+ wird es jedoch schwieriger diese Ausrüstung auf einer Wandertour mitzunehmen.

Sicherheit

Meiner Erfahrung wird mit dem Flugsport oftmals ein sehr hohes Risiko assoziiert. Das ist natürlich nicht gänzlich falsch, da Gleitschirmfliegen (allein schon rein versicherungstechnisch) als Extrem- bzw. Risikosportart klassifiziert ist. Ein Pilot setzt sich selbst ein er Vielzahl externer Faktoren aus und ein Fehler in der Flugplanung oder eine Fehleinschätzung beim Start oder bei der Landung kann verheerende Folgen haben.

Für das Jahr 2019 sieht die Unfallstatistik vom deutschen Hängegleiter-Verband (DHV) wie folgt aus:

  • 232 Unfallmeldungen
    • Davon 109 mit schweren Verletzungen und
    • 10 mit Todesfolge

Eine Vielzahl dieser Unfälle passierten beim Start oder bei der Landung, was nicht verwunderlich ist. Ist der Gleitschirm nämlich erst einmal in der Luft, fliegt dieser verhältnismäßig stabil. Ein Anfänger-(A-) Schirm wie ich ihn fliege, ist zudem überaus “fehlerverzeihend”. Viele extreme Flugsituationen kann ein solcher Schirm ohne zutun des Piloten “von selbst” lösen. Verglichen mit dynamischeren Schirmen, reagiert ein A-Schirm in Extremsituatonen auch nicht ansatzweise so heftig wie ein B- oder ein C-Schirm. So kann das seitliche Wegziehen eines A-Schirmes bei einem seitlichen Einklapper des Schirmes beispielsweise oft nur durch das Körpergewicht ausgeglichen werden, bei einem höher klassifizierten Schirm wäre des nicht mehr möglich.

Allgemein denke ich, dass Gleitschirmfliegen grundsätzlich sehr sicher sein kann. Sofern ein Pilot seine eigenen Grenzen kennt und dies nicht überschreitet, eine fundierte Flugvorbereitung (Wettercheck) macht sowie reflektierte Entscheidungen am Startplatz trifft kann dieser Sport in meinen Augen sicher betrieben werden. In Zweifelsfall würde ich mich in jedem Fall gegen einen Start entscheiden und lieber zu Fuß ins Tal zurückkehren, als mich einem unnötigen Risiko auszusetzen. Erst einmal in der Luft, bist du nämlich (unabhängig davon wie viel Routine du hast), den Naturgewalten auf die eine oder andere Weise ausgeliefert.

Mein Fazit

Ich war sehr überrascht wie schnell der Schritt von kompletten Anfänger zum ersten Höhenflug tatsächlich geht und wie rasant die Lernkurve zu Beginn ist. Der reine Prozess des Gleitschirmfliegens ist leichter, als ich es zu Beginn erwartet hätte. Insgesamt verbrachte ich 23 Tage in Werfenweng und hatte die Erwartungshaltung, dass ich die gesamte Ausbildung in diesem Zeitraum auch abschließen kann. Zu Beginn sah es auch ganz danach aus, jedoch machte mir das Wetter einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Insgesamt 11 Tage wollte das Wetter nicht mitspielen und ich konnte aufgrund von Regen, Nebel oder Unwetter leider nicht fliegen.

Infolgedessen reiste ich nach 23 Tagen mit 28 absolvierten Höhenflügen ab, um meine fehlenden 12 Höhenflüge sowie die praktische Prüfung zu einem späteren Zeitpunkt zu absolvieren. Der Vorteil des Schlechtwetters: Ich hatte ausreichend Zeit mich mit den theoretischen Grundlagen des Gleitschirmfliegens vertraut zu machen und habe die theoretische Prüfung bereits erledigt!

Nichts desto trotz war und ist das Erlernen des Gleitschirmfliegens eine unglaubliche Erfahrung die kaum mit etwas Anderem vergleichbar ist. Das Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit beim Paragleiten ist etwas, das meiner Meinung nach nur schwer getoppt werden kann. Das umfangreiche theoretische Wissen was ich im Zuge der Ausbildung erlangt habe und praktisch immer anwenden kann, wenn ich in der Natur unterwegs bin, ist in meinen Augen ein großer Pluspunkt!

Dennoch, und das habe ich wiederholt gemerkt, stehe ich erst ganz am Anfang meines Pilotendaseins. Es gilt noch sehr viel zu lernen und sehr viel Erfahrung zu sammeln um ein guter Pilot zu werden (aber so ist es doch in jeder Sportart). Ich kann es kaum erwarten Orte zu entdecken und Aussichten zu genießen, die vielen Menschen andernfalls vorenthalten bleiben. Ich freue mich jetzt schon sehr auf die kommenden Jahre und meine ersten Solo-Flüge, bei denen ich auf mich alleine gestellt bin – immerhin wächst der Mensch an seinen Herausforderungen.

One thought on “Abenteuer Paragleiten – Teil 2

  1. Hut ab, der Bericht ist spitzenmäßig.
    Mein Tipp: versuch doch bei einem Sporthändler oder Zubehörhersteller oder bei einem Spartenjournal anzudocken.
    Journalistisch hast du eine sehr gute Qualität!
    Du könntest doch freiberuflich als alternativer Journalist/Blogger spartenorientiert tätig werden.
    Schade wenn solche Beiträge nicht an eine größere Menge von InteressiertInnen rankommt.
    Toitoitoi

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